Laute Nacht, volle Nacht: Eine Geschichte über Familie, Freunde und Flüchtlinge

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft; einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!
Schlaf in himmlischer Ruh!

(Stille Nacht – 1. Strophe: Joseph Mohr, 1816)

Was verbindest du mit Weihnachten? Familie, Stollen, Tannenbaum, Lebkuchen, Kerzenschein, Lichterketten, Rotkohl, Klöße und Gans, Schnee, Adventskalendar, Weihnachtsmärkte, Spekulatius, Glühwein, Zimt & Nelken, Mistelzweige, “Die Feuerzangenbowle”, Räuchermännchen, den Herrenhuter Stern, Maronen und viele bunt verpackte Geschenke?!

Ich auch! Auch ich verbinde all diese Dinge mit Weihnachten. Ich liebe die Weihnachtszeit, die Lieder, den Duft, das Essen, die Atmosphäre und die Zeit mit Menschen dir mir wichtig sind.

Ich lebe und wohne in Berlin/Moabit seit fast 5 Jahren. Ich wohne nicht nur hier {schlafe, gehe zu Arbeit, gehe zurück in meine Wohnung, esse, schlafe wieder}, nein ich lebe hier! Ich kenne meinen Kiez – meinen Stadtteil –  und ich laufe mit offenen Augen durch diese Straßen. Ich sehe neue Geschäfte die öffnen und alte, die wieder schließen. Ich rede mit meinem türkischen Obsthändler, stöber in den kleinen Boutiquen, die hier mehr und mehr aufmachen, ich kaufe frisches leckeres Brot in der Markthalle, laufe an der Spree entlang und bin dankbar für Nachbarn, die meine Pakete entgegen nehmen. Ich bringe meine gerissenen Hosen und kaputten Schuhsohlen immer zu dem gleichen Schneider und Schuster. Und ich liebe die vielen Spielplätze, zu denen ich mit meiner Tochter nachmittags gehen kann. Ich liebe meinen Kiez. Er ist so gar nicht perfekt. Aber ich haben ihn in mein Herz geschlossen. Und wenn das erst einmal passiert ist, gibt’s kein loslassen mehr.

Was ich seit September auch mit meinem Kiez verbinde, ist das LAGeSo – das Landesamt für Gesundes und Soziales. Es ist kaum 15 Minuten Fußweg von uns entfernt. Das suchen täglich Hunderte Flüchtlinge auf, um hier ihren Asylstatus für Deutschland zu beantragen. Und wenn ich nach der Arbeit meine Tochter aus der Kita hole, dann laufe ich durch den kleinen Tiergarten und sehe sie, die Individuen, die Familien, die Flüchtlinge, die alle hoffen, dass ihre Reise hier endlich zu Ende ist und sie ankommen dürfen. Ausruhen, schlafen, sich in Sicherheit fühlen, ankommen. Aber bis das wirklich geschehen kann, haben sie noch viele Hürden zu meistern und sind auf die Hilfe von ganz vielen Menschen angewiesen.

Mich lähmt es. Das Gefühl, dass ich helfen will, aber nicht weiß, wie und wo es wirklich einen Unterschied macht. Die eine Spende, die alten warmen Wintersachen, das einmalige Mitanpacken. Wirklich? Macht das langfristig einen Unterschied?

Aber was hat mein Kiez und das LAGeSo mit Weihnachten zu tun?

Für mich ist Weihnachten mehr, als was ich bereits aufgelistet habe. Für mich ist Weihnachten das Fest, an welchem ich mich daran erinnere, dass Gott Mensch wurde und in mein Zuhause kam. Gott wurde Mensch. Er wird in einen menschlichen Körper hineingeboren, in eine irdische Familie. Er entscheidet sich bewusst dafür, sich einzuschränken, nicht Gott sondern ganz Mensch zu sein.

Und wenn man der biblischen Erzählung glaubt, dann wird er noch nicht einmal in einem sicheren Zuhause geboren, sondern erlebt seine erste Zeit als Mensch in einem Stall. Im hochschwangeren Zustand müssen Maria und ihr Mann Josef die Heimat verlassen und zu einem Ort reisen, wo sie nicht wissen, was und wer sie dort erwarten wird und keine nahen Verwandten haben, die sie aufnehmen können. Zu zweit unterwegs zu einem Ziel, ohne Sicherheiten, mit wenig Gepäck und “Baby on board”. Und als sie ankommen, will keiner sie aufnehmen.

Irgendwie klingt das vertraut, oder? Menschen, Familien, Individuen, die ihre Heimat verlassen und nicht wissen, wo sie am Ende ihrer Reise ankommen werden.

Josef und Maria erreichen Bethlehem und alle Häuser sind voll. Kein Platz. Kein Bett für sie. Keine Möglichkeit sich auszuruhen. Nur ein Stall mit einer Futtergrippe. Und die ersten Gratulanten zur Geburt ihres Sohnes sind ein paar Tiere, Schäfer und 3 weise Männer mit Geschenken.

“Gott wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns.” (1. Johannes 14)

Immanuel. Gott mit uns.

Keine stille Nacht, das ganz gewiss nicht.

Irgendwie erinnert mich die Geschichte schon sehr an die Schicksale der Menschen, die seit einigen Monaten in Scharen in unser Land einreisen wollen. Natürlich hat niemand von ihnen einen zweiten Jesus im Gepäck. Und doch findet man viele Parallelen. Sie sind für viele hier ungewollt, unangemeldet, unerwartet, unangenehm. Kein Platz. Keine Ruhe. Keine stille Nacht.

Und für mich stellt sich die Frage, wie aus der lauten, vollen Nacht vielleicht trotzdem eine heilige Nacht werden kann?!

Weihnachten ist dieses Jahr ein ganz anderes für mich als bisher. Wir haben Platz. Eine neue Wohnung. Ein Zimmer mehr. Und doch wäre es so einfach zu sagen – nein, wir haben keinen Platz. Bleibt in eurer Notunterkunft und feiert dort! Dann hätte ich vermutlich eine stillere…aber keine heiligere Nacht.

HEILIG. Von göttlichem Geist erfüllt; göttliches Heil spendend.

Doch wir als Familie haben uns für eine lautere, dafür hoffentlich von Gottes Geist erfüllte Nacht entschieden. Heute Abend werden 4 Familien bei uns zu Gast sein. Meine eigene, ein befreundetes Ehepaar, eine Familie aus Griechenland und ein Vater aus Syrien mit zwei jungen Söhnen.

Ich schreibe das hier nicht, damit alle denken, wow – ist das toll, was sie da macht. Nein. Ich habe lange mit mir selbst gerungen. Und ich weiß, dass es viele weitere deutsche Familien gibt, die ihr Zuhause gerade in dieser Zeit öffnen und Menschen, die nicht wissen, wo sie hinkönnen, zu sich einladen.

Vielleicht ringst du gerade auch noch mit dir? Oder du fragst dich immer noch, was du wirklich bewirken kannst? Oder aber es lässt dich alles total kalt? Vielleicht hast du aber auch gerade wirklich keine Zeit, keine Kapazität, keinen Platz.

Drei Punkte würde ich dir gerne heute in den heiligen Weihnachtsabend mitgeben.

1. Gott wurde Mensch – und schränkte sich dadurch ganz bewusst ein. Jesus lebte 33 Jahre auf dieser Welt und tat nicht alles, was er hätte tun können. Dem Jesus, dem ich in der der Bibel begegne, der diente seinen Mitmenschen und erwartete nichts von ihnen zurück.

Wo kannst du dich heute oder auch morgen einschränken, um dann damit zum Segen für Jemanden zu werden?

2. Hör nicht auf, wenn du schon was tust! Du beginnst voller Elan und irgendwann hat du keine Lust, keine Zeit oder auch kein Geld mehr dafür. Hör nicht auf, Gutes zu tun. Schau weiterhin nach Möglichkeiten, wo und wie du anderen Menschen helfen kannst. Und wenn du täglich “nur” Ermutigungen, Komplimente und auch ein Lächeln dabei verschenkst!

3. Vergiss niemals, wie gesegnet du bist. Bleib dankbar für das, was du hast. Wenn du mit einem dankbaren Herzen den Tag beginnst, dann nimmst du deine Umwelt ganz anders war. Versuch einmal bis zum Jahresende jeden Tag mit einem Dankeschön zu beginnen. Sag Danke! Schreib auf, wofür du dankbar bist.

Es kann gut sein, dass sich dadurch deine Wahrnehmung verändert und du doch noch ein bisschen Platz, ein wenig Zeit oder ein bisschen mehr Geld zur Verfügung hast für andere.

 

Vielen Dank an jeden einzelnen, der in diesem ersten Jahr meinen Blog gelesen und geteilt hat. Er war nicht regelmäßig und doch von Herzen. Und auch im neuen Jahr werden hier wieder neue Einträge zu finden sein.

Ich liebe Gott, ich liebe Menschen und ich liebe mein Leben. Mich begeistern gesunde Beziehungen und genauso weiß ich auch, dass meine eigene Ehe nur so läuft, wie sie es tut, weil Jesus bei uns im Zentrum steht.

Umso mehr bin ich dankbar für Weihnachten. Für die Zeit, in der ich mich bewusst daran erinnere das Gott Mensch wurde.

Immanuel – Gott mit uns. Ein gesegnetes Weihnachtsfest euch allen! Eure Lotte

 

 

 

4 Gedanken zu „Laute Nacht, volle Nacht: Eine Geschichte über Familie, Freunde und Flüchtlinge“

  1. Liebe Lotte!
    Danke für diesen Block. Du sprichst mir aus dem Herzen und ich freue mich, dass du dir die Zeit genommen hast, deine Gedanken in diese Worte zu fassen.
    Auch für uns ist dieses Weihnachten ganz anders. Unsere Kids sind nun erwachsen und aus dem Haus und sie müssen ihre Arbeit tun.
    So hatten auch wir dieses Jahr Platz bei uns und so konnten wir, wie wir es schon länger auf dem Herzen hatten, liebe Menschen zum Heiligen Abend einladen, die sonst in dieser Nacht alleine geblieben und vor dem Fernseher oder dem Computer usw. gelandet wären.
    Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Erfahrungen, Interessen und verschiedenem Alter. Menschen die wir schon kannten und neuen Bekanntschaften.
    Es war ein wunderbarer Abend. Jeder hatte etwas dazu beigetragen. Leckeres Essen, seine Lebensgeschichte, seine Wünsche, seine Sorgen, seine Musik und am Ende hatten wir Tränen der Freude in den Augen und Herzen voller Dankbarkeit, denn was wirklich zählt kann man nicht kaufen, man kann es nur in Beziehungen erleben: Liebe.

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    • Danke Manfred, das ist toll zu hören! Ja, so war es auch bei uns. Ein wirklich gesegnetes und heiliges Weihnachten. Gott ist mit uns!

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