Wenn 2 Individuen sich entscheiden 1 Paar zu werden.

Ich denke fast alle von uns kennen diesen Wunsch: Den einen Partner zu finden, der einfach passt. Beziehungsweise, der zu mir passt und mich ergänzt. Der Deckel zum Topf, der/die Richtige, deinen Seelenverwandten. Und doch klappt das selten bei dem ersten Anlauf.

Ich kenne kaum Jemanden, der mit dem allerersten Partner noch zusammen ist, vielleicht sogar verheiratet und das auch noch mit Kind. Ich kenne ehrlich gesagt nur eine Person. Meine Schwester. Die hat tatsächlich mit 16 ihren zukünftigen Mann kennengelernt, ihn mit 21 geheiratet und mit 27 ihren ersten Sohn zur Welt gebracht. Alles richtig gemacht.

Aber den meisten von uns ergeht es wie mir. Wir wagen den Versuch, scheitern. Probieren es nochmal, wieder nichts. Und so geht es weiter, bis wir vielleicht ein Gegenüber gefunden haben, mit dem wir es langfristig aushalten. Oder wir sprechen einfach weiterhin von Lebensabschnittssgefährten, weil die Suche nach der einen wahren Liebe zur Illusion geworden ist.

Aber im Grunde hoffen wir eigentlich, dass es beim nächsten Mal vielleicht doch hält, für immer, oder etwa nicht?!

Ich hatte zwei feste Beziehungen bevor ich meinen Mann kennenlernte. Meinen ersten offiziellen Freund hatte ich mit 19, den ersten Kuss bereits mit 14, aber dazwischen war nicht viel los. Vielleicht lag das ja an dem ersten Kuss! Auf jeden Fall war ich spät dran im Vergleich zu anderen in meinem Jahrgang. Neun Monate hat es gehalten. Keine drei Monate später begann ich die nächste Beziehung. Die hielt fast 1 1/2 Jahre. Danach war sechs Jahre lang Beziehungspause. Mit 26 lernte ich dann meinen Mann kennen. Seit fast sechs Jahren sind wir beide nun ein Paar. 2011 haben wir geheiratet.

Aber was haben mich drei Beziehungen gelehrt? Klar habe ich nach zweimaligem Versagen sehr genau gewusst, was ich nicht wieder möchte. Meine Kompromissbereitschaft ist erstmal deutlich gesunken und ich durfte eine Menge über mich selbst feststellen und lernen. Aber erst vor Kurzem habe ich bemerkt, dass ich in diesen drei Beziehungen auch drei verschiedene Beziehungsformen erlebt habe, die ich heute in anderen Partnerschaften wiedererkenne und hier vorstellen möchte.

Zwei von diesen Paarkonstellationen haben eine Chance auf Erfolg, die eine deutlich weniger als die andere. Eine davon ist auf lange Sicht immer zum Scheitern verurteilt.

 

1+1=2

Diese hier! Leider ist das die Variante, die wir in unserer gegenwärtigen Zeit am häufigsten auffinden. Wir gehören zur Generation Y, wenn wir zwischen 1977 – 1998 geboren wurden. Damit liege ich mit dem Geburtsjahr 1983 gut in der Mitte. Generation Y ist bekannt für ihre egozentrische, selbstbezogene und nicht selten auch empathiefreie Lebenskultur. Klar ist das überspitzt, aber dennoch ist es die Generation, die wie keine zuvor ihre Entscheidungen nach den unmittelbaren Vorteilen und Nachteilen für die eigene Person und das Wohlbefinden trifft. Wir, also ich und möglicherweise auch du, wurden früh dazu ermutigt, uns selbst zu verwirklichen, unseren Träumen nachzujagen, aus unserem Beruf eine Berufung zu machen. Das hat dazu geführt, dass wir Individualität und Selbstverwirklichung feiern, manchmal sogar glorifizieren.

Diese Dynamik trägt nicht selten dazu bei, dass bei einer Partnerschaft zwei Individuen auch zwei Individuen bleiben und nicht bereit sind Kompromisse füreinander einzugehen. Man nimmt sich, was man braucht und ist alles aufgebraucht, geht man einfach wieder getrennte Wege. Solange der Partner voll und ganz zur eigenen Individualität passt, ohne sich selbst dabei einschränken zu müssen, läuft alles gut. Treten dann aber Beziehungsprobleme auf, taucht auch schnell die Frage auf, ob es nicht doch noch eine Person gibt, die zum eigenen Lebensmodell besser passen könnte.

“Die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit, von der heutzutage so viel geredet wird, ist nichts anderes als das Streben nach universeller Selbstverwirklichung, nach vermeintlicher Perfektion. Man weiß einfach, dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt, der das eigene Leben sinnvoller ergänzt. Und so richtig bewusst wird es einem, wenn Beziehungsprobleme auftauchen. Man will sich in seinem Selbstverwirklichungsprozess nicht eingeengt fühlen. Nicht abgelenkt werden.”

Ein brillanter Artikel dazu auch von Michael Nast auf dem Blog “Im gegenteiL!”

So oder ähnlich sah es in meiner ersten jugendlichen Beziehung aus. Zwei Individuen, zwei Leben, die von der Lebensauffassung nicht unterschiedlicher hätten sein können. Und weil es nicht passte, passte es irgendwann auch einfach nicht mehr zu mehr.

Ich will damit nicht sagen, dass man in einer Partnerschaft seine Individualität komplett aufgeben muss, geschweige denn, dass man als Paar kein gemeinsames Ziel verfolgen sollte, ganz im Gegenteil. Was mich zur zweiten möglichen Paarkonstellation führt.

 

1+1=0+1

Wenn sich eine Person innerhalb der Beziehung vollkommen verliert, sich komplett aufgibt oder sich kompromisslos unterordnet, kann es gut sein, dass am Ende einer Partnerschaft nur noch ein Individuum übrig bleibt. Im schlimmsten und einem sehr fatalen Fall ist es die Konsequenz von häuslicher – physischer, psychischer und/oder sexueller – Gewalt, worauf ich hier aber nicht konkreter eingehen werde.

Allerdings kann es durchaus vorkommen, dass sich eine Person innerhalb der Partnerschaft zum Wohle des Beziehungsglückes, der Familie, der Kinder, des beruflichen Erfolges des Partners immer mehr zurück nimmt, bis nicht mehr viel von ihr übrig bleibt. Er oder sie assimiliert dann fast vollständig im Lebensplan des Anderen.

Das war noch vor einigen wenigen Jahrhunderten nicht unüblich. Da waren die wenigsten Frauen in der Lage, einen eigenen individuellen Lebensentwurf zu gestalten, sondern hatten sich um Haus und Familie zu kümmern, damit der Gatte voll und ganz seinem Beruf und anderen Passionen nachgehen konnte. In einigen Ländern in der Welt ist dies bis heute noch so.

Dass das in einer Generation, die nach Individualität und Aufmerksamkeit nur so schreit, kaum denkbar geschweige denn möglich ist, ist eindeutig. Nichtsdestotrotz kann es vorkommen, dass wenn ein Partner eine gewisse Dominanz, die unterschiedlich stark ausfallen kann,  auf die andere Person ausübt, dass diese Person sich immer mehr anpasst, einfügt und meist im negativen Sinne in das Leben des vermeintlich überlegenen Lebensgefährten integriert.

In meiner zweiten Beziehung war das ein sehr schleichender Prozess, der erst am Ende wirklich offensichtlich wurde. Ich hatte mich so sehr auf den Partner fixiert, auf seine Wünsche, seine Familie, sein Umfeld, seine Freunde, dass mein eigenes Leben immer mehr an Bedeutung verlor. Ich war so viele Kompromisse eingegangen, um ihm zu gefallen, dass ich mich zuletzt kaum wiedererkannt habe. Nach der äußerst schmerzhaften aber notwendigen Trennung musste ich mich erst selbst wiederfinden, was nicht zuletzt auch dazu führte, dass ich eine ganze Weile Single blieb.

 

1+1=1

Diese mathematische Formel trifft vermutlich auf alle Paare zu, die lang, sehr lang in einer verbindlichen, intimen und immer noch liebevollen Beziehung leben. Wer kennt nichtDon't give up! das eine oder andere ältere Ehepaar, dass nach über 40 Jahren Ehe einander immer noch in die Augen schauen kann, Händchen hält und man  schmunzeln muss, weil sie einander sowas von ähneln. Man vermutet fast, dass sie ohne den anderen nicht mehr Leben können. Und oft ist es tatsächlich der Fall, dass wen der eine im hohen Alter stirbt, auch der andere nicht viel länger unter den Lebenden verweilt.

Diese Paarkonstellation ist eine Entscheidung und ein Prozeß. Beides. Sie beginnt, wenn zwei Individuen sich entscheiden, eine verbindliche Beziehung einzugehen und sie auch durchzuhalten. In guten wie in schlechten Zeiten! Man bewegt sich aufeinander zu, findet gemeinsame Kompromisse, gibt das ein oder andere auf und entscheidet sich immer wieder bewusst, dass die gemeinsame Einheit wichtiger ist, als die einsame Individualität.

Ist es einfach? Nein. Ganz und gar nicht. Aber unglaublich belohnend, wenn man es nur lang genug aushält und nicht aufgibt. Das zumindest haben mein Mann und ich uns von unseren Ehecoaches sagen lassen, die letzte Woche ihren 45 Hochzeitstag gefeiert haben. Also haben wir uns vor über vier Jahren entschieden, diesen Prozeß gemeinsam anzugehen.

Wenn zwei Menschen eine Beziehung eingehen und bereit sind, Teile ihrer Individualität immer wieder hinterfragen zu lassen und dann auch gegebenenfalls aufzugeben, gleichzeitig zu schauen, welches gemeinsame Ziel sie verfolgen können, dann gibt es durchaus eine große Chance, dass 2 Individuen 1 Paar werden, dass bis zum Ende durchhält.

 

Diese Entscheidung habe ich bereits getroffen, über den Prozess werde ich hier fortlaufend Bericht erstatten.

Liebe Grüße

Lotte Telzer

 

 

 

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