Warum die Sauna kein Ort zum Flirten und Intimität ungleich Intimität ist.

Es gibt nur ein paar wenige andere Länder in dieser Welt, die so saunen wie die Deutschen. Wir schwitzen textilfrei – komplett nackt. Dass das aber niemals auch ein Freischein ist, um das unbekleidete Gegenüber genauer zu betrachten, geschweige denn hinterher anzubaggern, durfte ich neulich bei einem Spatag mit einer guten Freundin feststellen. Ich lag im Ruheraum, sie war zu einem letzten Saunaaufguss gegangen. Irgendwo zwischen Abduschen und Ankleiden wurde ihr dann von einem männlichen Besucher ein Buch in die Hand gedrückt. Ein Geschenk, da er jetzt gehen würde und es durchgelesen habe. Verdutzt nahm sie es trotzdem entgegen, um dann einen Moment später zu entdecken, dass der Herr ihr eine Notiz mit Name und Handynummer im Cover hinterlassen hatte.

“Eigentlich wollte ich nur entspannen und mir einen schönen Tag machen. Ich war wunschlos glücklich. Aber dann habe ich dich gesehen. Jetzt wünsche ich mir, dass wir uns mal treffen.”

Also was genau hatte er gesehen? Sie, die wunderbare Person, die sie ist? Den Menschen, der unglaublich treu, humorvoll, kontaktfreudig, liebevoll, echt, engagiert, hilfsbereit und intelligent ist? Oder ihren Körper? Was war ihm nochmal genau ins Auge gefallen? Ihr Herz oder ihre enthüllte Figur? Ihr Wesen oder doch nur die äußere Form? Und wozu wollte er sie treffen?

Ich möchte ja ungern hinterfragen, was den jungen Mann dazu veranlasst hat, meine Freundin in der Sauna anzusprechen. Und mit Sicherheit ist er nicht der erste und einzige Typ, der diesen Ort als Flirtzone bestimmt.  Aber mal ehrlich, wenn ich das Bedürfnis habe, einen Menschen besser kennenzulernen, um möglicherweise eine Beziehung zu der Person und “nicht zu verwechseln” zu dem Körper der Person aufzubauen, dann ist die Sauna ganz gewiss nicht der richtige Ort dafür.

Kann es sein, dass wir heutzutage ein bestimmtes WORT anders definieren und/oder vordergründig in einem anderen Kontext sehen, als was damit eigentlich gemeint ist?

INTIMITÄT

1a. vertrautes, intimes Verhältnis; Vertrautheit; 1b. Vertraulichkeit; vertrauliche Angelegenheit;

2. sexuelle, erotische Handlung, Berührung, Äußerung

Die Psychologin, Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning beschreibt in der Januar Brigitte-Ausgabe diesen Jahres im Dossier “Wie wichtig ist Sex wirklich” Intimität folgendermaßen:

“Das große Thema ist INTIMITÄT. Ist wahre Intimität da, verspürt man auch eher Verlangen. Und Intimität heißt, sich dem anderen wirklich zeigen, wie man ist, mit allen Ecken und Kanten. Also vollkommen ehrlich zu sein.”

Wahre Intimität ist demnach nicht was wir unter Punkt 2. der Duden Definition finden. Wahre Intimität findet ihre Vollendung in einer erfüllten, sexuellen, erotischen Intimität, aber hat ihren Ursprung in einer vertraulichen, persönlichen, sicheren, innigen und zuverlässigen Beziehung.

“Der Mensch ist sexuell nicht monogom angelegt – emotional schon. Wir müssen mit dem Paradox leben, dass wir Liebe und Vertrautheit wollen, uns aber gleichzeitig nach Leidenschaft und Ekstase sehnen. (…) Paare sollten sich ihr Wünsche so offen wie möglich erzählen.” (Daniel Berger)

Wenn dieses Zitat der Wahrheit entspricht, dann ist das tatsächlich ein riesen Dilemma für unsere Gesellschaft. Denn die wenigsten Partnerschaften beginnen heute noch mit einer rein platonischen Freundschaft, die sich dann nach mehreren Wochen, Monaten oder auch Jahren in eine erotische Beziehung weiterentwickelt. Denn wenn man dem Statos Quo in romantischen Filmen glaubt, dann landen Mann und Frau bereits beim ersten Date im Bett. Abhängig von der Qualität des Sex wird danach entschieden, ob man sich nochmal trifft oder nach einer gemeinsamen Nacht wieder getrennte Wege geht.

Entscheidet man sich für ein nächstes Date, beginnt nun die eigentliche Kennenlern-Phase. Das bedeutet, dass wir heute tendenziell schneller körperlich intim werden, als dass wir uns emotional aufeinander einlassen. Wir enthüllen unseren Körper bevor wir unser Herz preisgeben.

Mehr dazu auch in diesem Blogeintrag – Und was wenn der Schuh nicht passt?

Warum kann das zu einem Problem werden?

1. Sex beim ersten Date sagt leider selten was über die emotional-seelische Verbindung aus, die man zueinander entwickeln kann, wenn beide es wagen, sich längerfristig aufeinander einzulassen.

2. War der Sex nicht wie erhofft, steht man in der Gefahr, über die Qualität eines Menschen zu urteilen und verpasst möglicherweise die Chance auf eine wunderbare Partnerschaft.

3. War der Sex toll, kann es sein, dass man sich auf einen Menschen einlässt, mit dem einen sonst rein wenig verbindet. In diesem Fall bleibt die Beziehung oft emotional oberflächlich und das Körperliche im Fokus, bis auch der Sex nicht mehr genug hergibt, um das Verhältnis weiter fortzusetzen.

4. Definiert der Sex unserer Partnerwahl, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass wir sexuell zwar polygam aktiv sind, aber emotionale Monogamie unerreichbar bleibt.

Was wäre, wenn wir das ganze wieder umdrehen würden? Wenn wir uns voreinander erst emotional nackig machen würden? Besteht dann nicht sogar die Möglichkeit, dass wir diese Partnerschaft erleben können, nach der wir uns eigentlich sehnen: Eine monogame Liebe, die dennoch nicht ohne Leidenschaft und Ekstase auskommen muss. Unter diesen Umständen sollten wir doch eigentlich in der Lage sein, diese eine tiefe, innige Vertrautheit mit einer Person aufzubauen, die uns freisetzt, ganz offen und ehrlich über sexuelle Wünsche zu sprechen?

Das wiederum dürfte bedeuten, dass man ungeachtet erster sexueller Anfangsschwierigkeiten, auf dem Fundament einer emotional intimen Beziehung, auch erotische Erfüllung findet. Oder nicht?!

Lässt sich das Beziehungsparadox lösen? Das hängt ganz allein von dir und deinem Partner ab. Ich persönlich weiß aus meiner Erfahrung, dass es realistisch ist – wenn beide bereit sind, sich emotional voreinander zu enthüllen und über sexuelle Defizite innerhalb der Partnerschaft offen und ehrlich zu kommunizieren. Sexuelle Intimität bedeutet nicht, dass man sich auch emotional vertraut ist. Aber emotionale Intimität legt eine solide Grundlage, damit man auch erfüllte sexuelle Intimität miteinander praktizieren kann.

Intimität ist ungleich Intimität und die Sauna ein Ort, wo man zwar einen bloßen Körper studieren kann, aber nicht unbedingt auf Partnersuche gehen sollte.

Erzähl du mir, wie du dieses Paradox erlebst? Wie gehst du damit um? Wie erlebst du Partnerschaft? Sexuell polygam? Emotional monogam? Oder vielleicht so wie ich: Sexuell und emotional monogam.

Empfehle den Blog weiter:

2 Gedanken zu “Warum die Sauna kein Ort zum Flirten und Intimität ungleich Intimität ist.”

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Share if you like the blog! :)